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Skaten statt Ritalin

Mit der von Titus Dittmann gegründeten Stiftung und deren Initiative skate-aid e.V. macht er seit 2009 Kinder „stark“. Neben der internationalen Arbeit in Krisengebieten wie Afghanistan und Syrien ist skate-aid von jeher auch in Deutschland engagiert. So startete er 2012 das Skater-Workshop Programm „Skaten statt Ritalin“. Das Angebot richtet sich an Kinder und Jugendliche, die unter Verhaltensauffälligkeiten leiden oder bei denen eine Verhaltensstörung diagnostiziert wurde.

Ziel des Angebotes war und ist es, Kindern und Jugendlichen mit einer ADHS eine Alternative oder Ergänzung zu pharmakologischen Behandlungen zu bieten. Konkret bietet skate-aid im Rahmen eines mehrwöchigen Workshops jeweils einmal in der Woche einen 1,5-stündigen betreuten Skate- Workshop an. Die betreuenden skate-aid Aktivisten geben hierbei den Rahmen des Workshops vor und sorgen dafür, dass Grundregeln eingehalten werden (Aufeinander achten, Intervention bei Streits, Kontrolle beim Tragen von Protektion, etc.). Ein strukturiertes Training, ähnlich dem Training beim Fußball oder Volleyball gibt es nicht, wohl aber Hilfestellungen beim Erlernen von Tricks, wenn es von den Teilnehmern gewünscht ist.

Die Rückmeldungen von Eltern und Kindern waren und sind über die Jahre durchweg positiv. Aus Sicht von skate-aid waren diese Ergebnisse nicht überraschend, da die spezifischen Anforderungen bzw. Rahmenbedingungen des Skatens genau die Bereiche kognitiver und emotionaler Funktionen fordern, die Kindern und Jugendlichen mit ADHS Schwierigkeiten bereiten. So ist es z.B. wesentlich für die Bewältigung von Alltag und Schule, sich immer wieder neuen und wechselnden Anforderungen zu stellen und Verhaltensmuster zu verändern bzw. neu zu erlernen, wofür die kontinuierliche Speicherung und der Abruf von Informationen aus dem Arbeitsgedächtnis unentbehrlich sind. Weiterhin unabdingbar sind Aufmerksamkeitsleistungen, insbesondere die Fähigkeit, sich nicht durch (unwichtige) Reize oder Impulse ablenken zu lassen. Zuletzt ist es die kognitive Flexibilität, d.h. die Fähigkeit, sich auf wechselnde Anforderungen schnell einstellen zu können und ggf. einmal begonnene Handlungsimpulse zu korrigieren bzw. zu inhibieren, die wichtig für ein erfolgreiches Lernen und Leben ist. Diese Fähigkeiten braucht man beim Skaten.

Workshop-Reihe "ADHS! Na und?"

Unter dem Motto „ADHS! Na und?“ startete im März 2018 eine neue Workshop-Reihe Skaten statt Ritalin. Diese dreimonatige Workshop-Reihe mit insgesamt ca. 50 Kindern zwischen 8-14 Jahren wird wissenschaftlich begleitet. Das Team um das Projekt Skaten statt Ritalin bündelt in besonderer interdisziplinärer Weise pädagogische, sportwissenschaftliche und medizinische Kompetenzen, durch die die Durchführung des Pilotprojektes erst möglich wurde. Ausgangspunkt des wissenschaftlichen Studiendesigns war die Hypothese der engen Interaktion zwischen Motorik (Gleichgewicht, Präzision bei Zielsprüngen, Einschätzung bzw. Präzision der eigenen Handkraft) und kognitiver und emotionaler Regulation. Eine mögliche (positive) Veränderung der Motorik könnte Indikator dafür sein, dass sich die verbesserte sensomotorische Selbstregulation auch auf emotionaler Ebene widerspiegelt.

Bei der Studie handelt sich um ein Pre-Post Design, wobei die beiden Untersuchungen im Abstand von ca. drei Monaten erfolgen. Mit einem Fokus auf die exekutiven Funktionen wurde eine Testbatterie zusammengestellt, die die motorischen und kognitiven Funktionen der Kinder und Jugendlichen qualitativ und quantitativ erfasst. Bei Kindern, die älter als 9 Jahre waren, wurden außerdem Fragebögen zum Selbstwert und zur Emotionsregulation eingesetzt.

Die Ergebnisse der Pilotstudie sollen genutzt werden, um die Skater-Workshops zukünftig noch besser auf die spezifischen Bedürfnisse von Kindern mit ADHS abstimmen zu können. Bei großem ehrenamtlichem Engagement ist die Fortsetzung der Skater-Workshops in Münster und eine Etablierung in anderen Städten geplant.

KONTAKT

Prof. Dr. Heiko Wagner
WGI-Projektpartner


Weiterführende Informationen:

skate-aid
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