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Fokus Sportvereine

Evaluation von Bewegungs-, Spiel- und Sportangeboten an Offenen Ganztagsschulen in Nordrhein-Westfalen

Die Essener Pilotstudie

Das Forschungsprojekt „Evaluation des Bewegungs-, Spiel- und Sportangebotes an offenen Ganztagsschulen im Primarbereich in seinen Auswirkungen auf die Angebote und Struktur von Sportvereinen, Koordinierungsstellen und die Ganztagsförderung des LandesSportBundes NRW in Nordrhein-Westfalen“ wurde 2008 mit der Essener Pilotstudie gestartet. Sie wurde vom Landessportbund/Sportjugend Nordrhein-Westfalen dem Essener Sportbund und der Sport Jugend Essen beauftragt und finanziell gefördert und vom Institut für Sport- und Bewegungswissenschaften der Universität Duisburg-Essen und dem Willibald Gebhardt Institut im Schuljahr 2007/08 durchgeführt. Die Abkürzung BeSS-Angebote steht für alle Bewegungs-, Spiel- und Sportangebote an Offenen Ganztagsgrundschulen (OGS). Die Ergebnisse der Pilotstudie wurden im Dezember 2008 in einem Abschlussbericht dokumentiert (vgl. Forschungsgruppe SpOGATA, 2008).
In dieser Pilotstudie wurden gemäß der Auftraggeber vier verschiedene Befragungen durchgeführt, um die vier Systemebenen für Bewegungs-, Spiel- und Sportangebote (BeSS-Angebote) im offenen Ganztag zu erfassen:

  1. eine telefonische Befragung der Schulleitungen bzw. der Ganztagskoordinationen an den OGS;
  2. Interviews mit Sportvereinen, die BeSS-Angebote im Schuljahr 2007/08 durch-führten, eine Online-Befragung von Sportvereinen ohne solche BeSS-Angebote;
  3. eine Online-Befragung individueller BeSS-Anbieter, also der verschiedenen Personen, die Bewegung, Spiel und Sport an den OGS im Nachmittagsbereich anbieten;
  4. qualitative Interviews mit den drei Stakeholdern der Essener Ganztagsangebote: Koordinierungsstelle „Ganztag des Sports“ der Sport Jugend Essen, Schulverwaltungsamt Essen und Jugendhilfe Essen gGmbH.


Dabei sollte explorativ auch ermittelt werden, aus welchen Gründen Sportvereine bisher keine Angebote im offenen Ganztag machen. Design und Methode der Pilotstudie gehen auf die Rahmenbedingungen für die BeSS-Angebote in Essen ein:

  1. Es gibt eine Rahmenvereinbarung zwischen der Stadt Essen und dem Essener Sportbund bezüglich der Durchführung der BeSS-Angebote, die vorsieht, dass sich die OGS bei ihren Wünschen nach BeSS-Angeboten zuerst an die vom Essener Sportbund eingerichtete und bei der Sportjugend Essen angesiedelte Koordinierungsstelle richten sollen.
  2. Die Trägerschaft des offenen Ganztags liegt entweder beim Schulverwaltungsamt Essen oder bei der Jugendhilfe Essen gGmbH. Die Stadt hat also die Trägerschaft des offenen Ganztags selbst übernommen, sie nicht an andere Organisationen - wie z. B. Träger der freien Kinder- und Jugendhilfe oder Wohlfahrtsverbände - delegiert.


Die Abb. 1 verdeutlicht das Design der Pilotstudie und enthält auch die Anzahl der Teilnehmer an den vier Befragungen.

Abb. 1: Design und Sample der Essener Pilotstudie

An jeder Essener Ganztagsgrundschule gibt es BeSS-Angebote – insgesamt 391 Angebote für 221 Gruppen (vgl. auch zum Folgenden Geis u.a. 2009, S. 157f.). Pro Schule sind es im Durchschnitt 4,6 Angebote. Im Vergleich zu anderen Evaluationsstudien über BeSS-Angebote an Ganztagsschulen (vgl. Beher u.a. 2007, S. 18; Holtappels u.a. 2008, S. 192) liegt diese Quote von 4 bis 5 Angeboten pro Schule mit 48,8 % deutlich höher gegenüber dort ermittelten 33,0 % (Beher u.a. 2007, S. 18) bzw. 35,4 % (Holtappels u.a. 2008, S. 192). Jede Ganztagsgruppe erhält pro Woche aber nur ein bis zwei Angebote (1,8 im Durchschnitt), d. h., von der in der Rahmenvereinbarung zwischen der Landesregierung und dem Landessportbund NRW gewünschten Perspektive „möglichst tägliche Bewegungsangebote“ zu unterbreiten, ist man in Essen noch weit entfernt.

Die Zufriedenheit der Schulleitungen (N = 86) mit den BeSS-Angeboten liegt bei ca. 84 %. Als Gründe für die Unzufriedenheit werden am häufigsten genannt: „zu wenig Angebote pro Gruppe“, „zu große Gruppen“, „kein Geld für spezielle Angebo-te“ (wie z. B. „Klettern“) und „keine ausreichenden Hallenkapazitäten“ bzw. „nicht ausreichende Ausstattung mit Sportgeräten“ (vgl. Forschungsgruppe SpOGATA 2008, S. 17ff.).

An 45 Essener Ganztagsgrundschulen (51,7 %) werden die BeSS-Angebote direkt von Sportvereinen durchgeführt (vgl. auch zum Folgenden Geis u.a. 2009, S. 155f.). Bei diesen direkten Vereinsangeboten dominieren eindeutig die sportartspezifischen Angebote. Für die anderen 42 Essener Ganztagsgrundschulen (48,3 %) sind BeSS-Angebote sowohl über die Koordinierungsstelle durch individuelle Anbieter als auch durch eigene Aktivitäten seitens der Schule bzw. der dort Bediensteten (Schulleitung, Erzieher/innen, Lehrer/innen) oder andere Stakeholder (Schulverwaltungsamt, Jugendhilfe) vermittelt bzw. initiiert worden. 52,7 % dieser Angebote sind nach der Definition des Landessportbundes NRW „sportartenübergreifend“ und 47,3 % „sportartspezifisch“. Gegenüber den Vergleichsdaten des Landessportbundes NRW für das Schuljahr 2007/08 gibt es hier eine Umkehrung in diesem Verhältnis, d. h., es gibt in Essen deutlich weniger „sportartspezifische“ Angebote (Landessportbund NRW: 64,15 %) und deutlich mehr „sportartenübergreifende“ Angebote (Landessportbund NRW: 35,85%).

Die Sportvereine mit BeSS-Angeboten verfügen im Vergleich zu den Sportvereinen ohne BeSS-Angebote durchschnittlich über mehr Mitglieder und mehr Sparten. Ein Kernproblem für die Mitwirkung von Sportvereinen in Essen stellt der rasante Ausbau der Schulen dar (vgl. Geis u.a. 2009, S. 163-165) : Während sich im Laufe von vier Schuljahren (2003/04 bis 2007/08) der Anteil von Ganztagsschulen in Essen von 7 auf 87 gesteigert hat, stieg der Anteil der mitwirkenden Sportvereine von 5 auf 33. Es konnte festgestellt werden, dass die Vereine, die kontinuierlich über mehrere Jahre BeSS-Angebote machen, die Mitgliederzahlen im Altersbereich der 7- bis 14-Jährigen stabilisieren oder sogar leicht ausbauen konnten, während diese Entwicklung bei den Vereinen, die keine BeSS-Angebote durchführten, deutlich rückläufig war (ca. 5%), allerdings noch unterhalb der Prozentquote für den statistischen Rückgang der Schülerzahlen an Essener Grundschulen (demographischer Wandel). Bei den Sportvereinen, die bisher keine Angebote an Ganztagsschulen machen, sind die Personalknappheit bei Übungsleitern/innen bzw. deren Unabkömmlichkeit am frühen Nachmittag, keine finanziellen Mittel des Vereins und die fehlende Verknüpfung zwischen schulischen Sportangeboten mit ihren Vereinsangeboten dafür ausschlaggebende Gründe. Häufig wurde auch die fehlende Ansprache von außen seitens der Koordinierungsstelle oder direkt durch eine Schule genannt (vgl. ausführlicher: Wick u.a. 2011, S.240ff.).

Zum Profil der individuellen BeSS-Anbieter ist festzustellen, dass rund ein Drittel aller BeSS-Angebote von Mitarbeitern/innen aus Sportvereinen bzw. Sportverbänden (26 % und 9 %) unterbreitet werden (vgl. Naul u.a. 2010, S. 151ff.). Rund ein weiteres Drittel stellen Schüler/innen und Studierende (35 %) dar, die weitgehend über die Koordinierungsstelle vermittelt wurden. Eltern von Schüler/innen stellen 3 % der Anbieter dar, sonstige Personen 13 %. Von allen Anbietern besitzen 9 % eine Sporthelfer- oder Gruppenhelfer-Lizenz, ca. 54 % eine Übungsleiter C-Lizenz und 23 % ein Zertifikat der 2. Lizenzstufe (B-Lizenz), wobei Mehrfachnennungen möglich waren. Zu den wichtigsten persönlichen Zielen, die Anbieter mit ihren Bewegungsangeboten anstreben bzw. verbinden, gehören: Hilfsbereitschaft und Achtung gegenüber anderen Kindern fördern, selbstständiges Handeln der Kinder fördern, Konfliktverhalten fördern, Bewegungsfähigkeit und motorische Koordination fördern, Gegengewicht zur Schule bieten und Talente fördern. Hingegen stehen diese Anbieter den Zielen „Elemente aus dem Unterricht aufgreifen“ als auch „Eltern an Ganztags-Angeboten beteiligen“ eher ablehnend gegenüber. Insgesamt deutet das auf ein additives Konzept hin, welches den Sportunterricht im Vormittagsbereich und die BeSS-Angebote im Nachmittagsbereich als ein unverbundenes Nebeneinander sieht und nicht als eine Integration beider Angebote.

Die Hauptstudie NRW
Für die Hauptstudie, die vom Landessportbund NRW, vom Ministerium für Familie, Kinder, Jugendliche, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen ,vom Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen und von der Unfallkasse Nordrhein-Westfalen gefördert wird, wurden zehn Standorte ausgewählt, wobei verschiedene Kriterien zugrunde gelegt wurden, um eine für Nordrhein-Westfalen möglichst repräsentative Auswahl zu treffen:

  1. Berücksichtigung der vier sozialräumlichen Siedlungstypen (Ballungskern, Ballungsrandgebiet, solitäres Verdichtungsgebiet und ländlich geprägte Zone)
  2. Berücksichtigung der Landschaftsverbände Rheinland und Westfalen-Lippe
  3. Berücksichtigung der fünf Regierungsbezirke
  4. Berücksichtigung des Ruhrgebiets als zentraler Ballungsraum
  5. Handlungssysteme und Organisationsstrukturen der Koordinierungsstellen des organisierten Sports
  6. Lokale, prototypische Entwicklungsmuster bei institutionellen BeSS-Anbietern und Trägern des offenen Ganztags

Auf Basis dieser Kriterien wurden fünf Landkreise (Ennepe-Ruhr-Kreis, Hochsauer-landkreis, Kreis Lippe, Kreis Steinfurt, Rhein-Erft-Kreis) und fünf kreisfreie Städte (Düsseldorf, Essen, Münster, Oberhausen, Remscheid) ausgewählt (vgl. Abb. 2).

Abb. 2: Die zehn Standorte der Hauptuntersuchung NRW

Die Untersuchungsinstrumente wurden auf Basis der Ergebnisse und Erfahrungen in der Pilotstudie überarbeitet. Aus den vier Ebenen wurden vier Module (A 1 bis A 4). Dabei wurden im Modul A 4 die Besonderheiten der zehn Standorte berücksichtigt und gegenüber der Pilotstudie das Spektrum der Trägervereine für den Ganztag einbezogen. Weiterhin wurden die vier A-Module um vier B-Module ergänzt, in denen qualitativ und quantitativ die Einschätzung und Wirksamkeit von BeSS-Angeboten in ausgewählten Themen-und Handlungsfeldern analysiert  werden (vgl. Abb. 3). Für diese B-Module wurden je zweiGrundschulen an vier Standorten (n = 8) ausgewählt, die den vier regionalen Siedlungstypen entsprechen (Ennepe-Ruhr-Kreis, Essen, Kreis Steinfurt und Münster).

Abb. 3: Die A- und B-Module der Hauptstudie NRW

Eine erste Auswertung der Interviews im Modul A 4 mit den Koordinierungsstellen an den zehn Standorten zeigt zunächst einmal das nahe liegende Ergebnis, dass die Situation in Essen am ehesten mit anderen kreisfreien Städten zu vergleichen ist. In Düsseldorf existieren eine mit Essen vergleichbare Rahmenvereinbarung mit der Stadt und eine ähnliche Personalausstattung. In Münster, Oberhausen und Remscheid stellt sich die Situation für die Koordinierungsstellen gerade wegen der unterschiedlichen, auch nichtkommunalen Träger anders dar. In den Landkreisen liegt die Trägerschaft für Grundschulen nicht beim Kreis, sondern bei den kreisangehörigen Kommunen und Gemeinden. Häufig finden sich in kreisangehörigen Kommunen auch unterschiedliche Modelle der Trägerschaft im offenen Ganztag. Vor diesem Hintergrund findet man bei den Koordinierungsstellen, die bei den Sportjugenden der jeweiligen Kreissportbünde angesiedelt sind, nur ganz selten die Situation vor, dass Rahmenvereinbarungen mit einzelnen kreisangehörigen Kommunen geschlossen wurden.

Die Arbeitsinhalte dieser Koordinierungsstellen bei den Kreissportbünden unter-scheiden sich deutlich von den Koordinierungsstellen bei den Stadtsportbünden Sie besitzen in der Regel eine geringere Personalausstattung, haben es mit einer größeren Anzahl von Trägern verschiedenster Ausprägung und mit unterschiedlichen kommunalen Ansprechpartnern zu tun.

Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Evaluationsstudien
In der Hauptstudie wurden alle 558 OGS an den zehn Standorten im Schuljahr 2009/10 telefonisch kontaktiert. Den Schulen wurde freigestellt, entweder an der Online-Befragung teilzunehmen oder telefonisch interviewt zu werden. 376 Schulen (= 67 %) beteiligten sich an der Befragung. Darunter befanden sich zehn Verbundschulen und 12 Schulen, die keine BeSS-Angebote durchführten.

An den zehn Standorten der Hauptstudie NRW gab es auf Basis der B-Zahlen des Landessportbundes NRW zum Zeitpunkt 01.01.2010 3.571 Sportvereine, wobei Be-triebssportgemeinschaften nicht berücksichtigt wurden. Von diesen führten 175 Sportvereine (= 5 %), darunter acht selbstständige Abteilungen und zwei Handball-spielgemeinschaften, BeSS-Angebote im Schuljahr 2009/10 durch. Diese wurden per E-Mail kontaktiert und gebeten, mittels Zugangsdaten an der Online-Befragung teilzunehmen. 91 Sportvereine mit BeSS-Angeboten beteiligten sich an der Befragung (= 52 %). Insgesamt könnte dieser 5%-Anteil der Vereine mit BeSS-Angeboten etwas höher liegen, weil nicht auszuschließen ist, dass in Einzelfällen – gerade in kleineren Gemeinden der Landkreise – Vereine, die bisher weder über die Instanzen des organisierten Sports bei Ganztagsanalysen noch von uns erfasst wurden, auch in direkter Zusammenarbeit mit einer Schule BeSS-Angebote durchführen. Im Vergleich mit der Essener Pilotstudie, in der sich 6 % der Vereine aus der Grundgesamtheit von 510 Vereinen (B-Zahlen des Landessportbundes NRW zum 01.01.2008) mit BeSS-Angeboten im offenen Ganztag beteiligten, liegt hier kein gravierender Unterschied vor.

Ein Ergebnis, das schon die Vereinsbefragung in der Pilotstudie zeigte, wurde durch die Hauptstudie noch einmal bestätigt. Prozentual gesehen beteiligen sich mehr größere als kleinere Sportvereine mit BeSS-Angeboten am offenen Ganztag. Die Gründe dafür liegen nach ersten Auswertungen darin, dass größere Vereine mit mehr Fachsparten, einer Ausrichtung auf den Breitensport und mit angestellten Übungsleitern/innen wesentlich leichter in der Lage sind, im Zeitraum der BeSS-Angebote (in der Regel 14-16 Uhr) Personal zu stellen und besondere Angebotswünsche der Schulen zu erfüllen. Dagegen haben es kleinere Vereine mit ehrenamtlichen oder im Rahmen des Übungsleiter-Freibetrags bezahlten Übungsleitern/innen wesentlich schwerer, Personen für die BeSS-Angebote im Zeitrahmen von 14-16 Uhr zu finden. Bei Vereinen mit nur einer Fachsparte kommt noch erschwerend hinzu, dass sie in der Regel nur eine Sportart anbieten können, also auf schulische Wünsche nach abwechselnden Angeboten pro Schulhabjahr anders als Mehrspartenvereine kaum reagieren können.

Abb. 4: Prozentualer Anteil der unterschiedlichen Vereinsgrößen bei BeSS-Angeboten in der Pilotstudie Essen und in der Hauptstudie NRW

In der Hauptstudie war es im Vergleich zur Essener  Pilotstudie schwierig, landesweit Kontaktdaten von individuellen BeSS-Anbietern zu ermitteln. Auch die Beteiligungsquote war wesentlich schlechter. Insgesamt konnte zu 806 individuellen BeSS-Anbietern per E-Mail oder Telefon Kontakt aufgenommen werden, von denen 263 (= 25 %) an der Online-Befragung teilnahmen.  Die regionale Verteilung ist sehr unterschiedlich: 67 % der individuellen BeSS-Anbieter, die geantwortet haben, führen ihre BeSS-Angebote in kreisfreien Städten durch, 33 % in den Landkreisen. Die Teilnehmer/innen an dieser Befragung verfügten zu 84 % mindestens über eine C-Lizenz, knapp 27 % besaßen sogar eine B-Lizenz. Die sportfachliche Qualifikation der Übungsleiter/innen ist als sehr gut zu bezeichnen und entspricht den Vorstellungen der Sportvereine über eine geeignete Mindestqualifikation für BeSS-Angebote (60 % ÜL C-Lizenz, 5 % ÜL B-Lizenz).

Sowohl in der Pilotstudie als auch in der Hauptstudie wurden die Schulen nach Details zu ihren BeSS-Angeboten befragt. Mit 1,8 BeSS-Angeboten pro Ganztagsgruppe erhielten die Essener Ganztagskinder im Schuljahr 2007/08 knapp mehr Angebote als die Ganztagskinder in der Hauptstudie (1,7) im Schuljahr 2009/10. Auffallend ist die unterschiedliche Relation zwischen sportartspezifischen und sportartenübergreifenden Angeboten in der Pilotstudie und in der Hauptstudie (vgl. Tab. 1). Inzwischen sind es in Essen auch mehr sportartspezifische als sportartenübergreifende Angebote, doch selbst im Schuljahr 2009/10 unterscheidet sich hier Essen von den übrigen Standorten der Untersuchung, bei denen die sportartspezifischen BeSS-Angebote deutlich überwiegen.

  Pilotstudie Hauptstudie
OGS mit Angaben zu ihren Angeboten  86  368
OGS-Gruppenanzahl  221  913
Anzahl BeSS-Angebote  391
 1537
                             Davon sportartspezifisch  185 (47%)
 975 (63%)
                             Davon sportartenübergreifend  206 (53%)
 544 (35%)
 Durchschnittliche Angebote pro Schule  4,6  4,2
 Durchschnittliche Angebote pro Gruppe  1,8  1,7
Zusammenarbeit Schule – Sportverein 45 (52%) 124 (34%)

Tab. 1: Details zu den BeSS-Angeboten Pilotstudie Essen und Hauptstudie NRW

Die Tatsache, dass in Essen bei der Pilotstudie über die Hälfte der Schulen bei den BeSS-Angeboten mit einem Sportverein direkt zusammenarbeiten, während es lan-desweit nur rund ein Drittel sind, ist mit ziemlicher Sicherheit auf die Rahmenvereinbarung zwischen Stadt und Essener Sportbund und dem damit verbundenen Wirken der Koordinierungsstelle zurückzuführen. Insgesamt wurden mehr als vier Fünftel (82 %) aller BeSS-Angebote an den Grundschulen in Essen im Jahr 2007/08 durch den organisierten Sport durchgeführt (Sportvereine, Koordinierungsstelle, lokale Sportfachverbände), während an den zehn Standorten der Hauptstudie NRW im Schuljahr 2009/10 nach ersten Auswertungen nur rund die Hälfte der BeSS-Angebote vom organisierten Sport durchgeführt wurde. Die andere Hälfte ist auf Träger des offenen Ganztags, private und eigene Aktivitäten der Schulen, ihrer Fördervereine sowie der Erzieher/innen, der Lehrer- und Elternschaft zurückzuführen. Diese prozentual rückläufige Tendenz für den organisierten Sport stimmt mit Ergebnissen aus Befragungen der Koordinierungsstellen durch den Landessportbund NRW überein (vgl. Ackermann & Lehmann 2011, S. 73f.): Die Anzahl der Sportvereine, die BeSS-Angebote machen, bleibt relativ konstant, während in den zurückliegenden Jahren, wie das Beispiel Essen schon früher gezeigt hat, landesweit der Ausbau zu Offenen Ganztagsgrundschulen als neues Regelsystem rasant voranschreitet – die damit verbundene, steigende Nachfrage seitens der Schulen nach BeSS-Angeboten ist deutlich größer als das Angebot der Sportvereine.

Literatur

  • Ackermann S./Lehmann B.:  Bewegung, Spiel und Sport im Ganztag – Ansätze des organisierten Sports in Nordrhein-Westfalen. In: Bewegung, Spiel und Sport in der Ganztagsschule. Bilanz und Perspektiven. Hg. von R. Naul. Aachen 2011, S. 65 – 75.
  • Beher K./ Haenisch H./ Hermens C./ Nordt G./ Prein G./Schulz U.:  Die offene Ganztagsschule in der Entwicklung. Empirische Befunde zum Primarbereich in Nordrhein- Westfalen. Weinheim, München 2007.
  • Forschungsgruppe SpOGATA: Abschlussbericht der Essener Pilotstudie im Rahmen des Evaluationsprojektes „Evaluation des BeSS-Angebotes an offenen Ganztagsschulen im Primarbereich in seinen Auswirkungen auf die Angebote und Struktur von Sportvereinen, Koordinierungsstellen und die Ganz-tagsförderung des LandesSportBundes NRW in Nordrhein-Westfalen“. Essen 2008.
  • Ganztagsschule in Deutschland. Ergebnisse der Ausgangserhebung der „Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen“ (StEG). Hg. von Holtappels H. G./ Klieme E./ Rauschenbach Th./Stecher L.. 2. korrigierte Aufl., Weinheim, München 2008.
  • Geis S./ Hoffmann D./ Naul R./Wick U.: Bewegung, Spiel und Sport an offenen Ganztagsschulen in Essen. In: Kulturen des Jugendsports. Bildung, Erziehung und Gesundheit. Hg. von R. Naul, A. Krüger & W. Schmidt. Aachen 2009, S. 149 – 166.
  • MSJK, MSWKS & LSB/SJ NRW: Rahmenvereinbarung zwischen dem Landes-SportBund, dem Ministerium für Schule, Jugend und Kinder und dem Ministerium für Städtebau und Wohnen, Kultur und Sport. Düsseldorf: MSJK NRW 2003.
  • Naul R./ Tietjens M./ Geis S./Wick, U.: Bewegung, Spiel und Sport im Ganztag von NRW – Konzept und Ergebnisse der Essener Pilotstudie. In: Bewegung, Spiel und Sport in der Ganztagsschule. Schulentwicklung, Sozialraumorientierung und Kooperationen. Hg. von P. Böcker & R. Laging. Baltmannsweiler 2010, S. 143 – 158.
  • Wick U./ Naul R./ Geis S./Tietjens, M.: Essener Sportvereine und der offene Ganztag an lokalen Grundschulen. In: Bewegung, Spiel und Sport in der Ganztagsschule. Bilanz und Perspektiven. Hg. von R. Naul. Aachen 2011, S. 229 – 250.


Die Präsentation im Landtag NRW vom 29.11.2011 zu der vorgestellten Studie kann hier heruntergeladen werden.

Darüber hinaus stehen das Gesamtmanuskript und eine Zusammenfassung zur Essener Pilotstudie zum Download bereit.